Von den stürmischen Slieve Leagues ging es gleich zum nächsten windumtosten Zipfel Irlands, dem Malin Head, der gleichzeitig den nördlichsten Punkt der grünen Insel darstellt.
Der Grenzübertritt nach Nordirland erfolgte gänzlich unspektakulär per Fährpassage, und doch fährt ab der Ankunft auf der anderen Seite ein unsichtbares Thema mit. Denn während im Straßenbild lediglich die Schilder von Kilometern auf Meilen wechseln, wiegt die jüngere Geschichte schwer. Das Spannungsverhältnis zwischen Nationalisten und Unionisten erinnert oberflächlich in seiner Alltäglichkeit ein wenig an die tief sitzenden gesellschaftlichen Vorurteile zwischen Ost- und Westdeutschen, nur dass hier aus Nachbarschaftsrivalitäten und politischer Spaltung über Jahrzehnte blutige Realität und echte Narben wurden. In Belfast würde diese Geschichte für uns noch greifbar werden.
Dort angekommen, trafen wir uns aber zunächst abends im belebten Kneipenviertel mit einem anderen deutschen Motorradfahrer. Man läuft sich auf solchen Reisen ja überraschend oft über den Weg und nachdem wir uns unterwegs bereits zwei Mal zufällig begegnet waren, passte der Anlass perfekt für ein gemeinsames Kaltgetränk und Motorradreise-Gespräche.
Bevor wir am nächsten Tag unerwartet tief in die bewegte Historie der Stadt eintauchten, stand noch ein anderer Termin in Form eines Besuchs des Titanic Quarters an. Das architektonisch spektakuläre Titanic Museum steht exakt an der Stelle, an der die Werft Harland & Wolff einst den glücklosen Ozeanriesen konstruierte und vom Stapel ließ. Die Ausstellung bereitet die maritime Ingenieurskunst und den tragischen Mythos extrem eindrucksvoll und technisch höchst aufwendig auf.
Einen noch nachhaltigeren Eindruck hinterließ jedoch die anschließende Black Taxi Tour durch die Viertel der Stadt. Unser Taxifahrer war etwa 60 Jahre alt, ist mitten im Nordirlandkonflikt aufgewachsen und hat den Konflikt buchstäblich hautnah miterlebt. Die Tour führte in sein Viertel, in dem Schusswaffen und Bomben einst den Alltag auf offener Straße bestimmten. Er erzählte eindringlich davon, wie die Religionszugehörigkeit der Kinder schon an der Farbe ihrer Schuluniform ablesbar war und dass sie regelmäßig in gepanzerten Fahrzeugen zur Schule transportiert werden mussten, weil der Weg unvermeidbar durch Straßenzüge der jeweils anderen Seite führte. In den dunkelsten Phasen des Konflikts ging es scheinbar endlos immer wieder nur schlicht um Vergeltung. Das Tragische daran war, dass beide Seiten unter der endlosen Spirale aus Gewalt und Verlust gleichermaßen litten. Es starben unzählige Unbeteiligte, darunter auch Kinder. Doch in der Hitze der Ereignisse gab es keinerlei Raum für die Erkenntnis, dass es der Gegenseite exakt genauso ging. Diese ungeschönten Berichte aus erster Hand gingen extrem unter die Haut.
In etwas gedrückter Stimmung ging es für uns danach gleich weiter zum Fähranleger. Die Motorräder rollten auf die Fähre nach Cairnryan. Nächster Halt war Schottland bei Nacht.























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