Samstag, 12. September 2026

Seitenwechsel


Auf den Britischen Inseln herrscht Linksverkehr, das ist soweit bekannt. Nachdem wir nun auf unserer Motorradreise über 70.000 Kilometer auf der „richtigen“ Seite unterwegs waren und ja auch sonst eigentlich ausschließlich mit Rechtsverkehr konfrontiert sind, beschlich uns während der Fährüberfahrt so langsam ein leicht mulmiges Gefühl, ob wir denn die nötige mentale Flexibilität mitbringen würden, um uns in den fließenden Linksverkehr ereignisfrei mit einzureihen. Außer einiger kurzer Momente der Desorientiertheit zu Beginn kommen wir mittlerweile aber gut klar. Hier hilft es auch mal wieder, dass wir zu zweit unterwegs sind.  Die falsche Seite ist aber eigentlich nur der Anfang, denn Irlands Straßen verzeihen keinen Moment der Unachtsamkeit. Zum einen sind sie meist sehr schmal und zum anderen auch noch schlecht einsehbar. Denn wenn etwas charakteristisch für das hiesige Straßenbild ist, dann sind das meterhohe Hecken, und zwar auf beiden Seiten. Kurven einzusehen ist damit quasi unmöglich. Gern kommt dann auch mal ein riesiger Traktor entgegen, der gefühlt 80% der Fahrbahnbreite einnimmt. Zum Glück sind wir mit unseren Motorrädern recht schmal, so dass es bisher immer gepasst hat. Dazu kommt noch ein sehr unruhiger Straßenbelag, der die ganze Fuhre in eine einzige Schaukelei verwandelt. Auch hier können unsere modernen BMWs punkten und bügeln das mit ihrem adaptiven Fahrwerk in den Grenzen des physikalisch Möglichen einigermaßen glatt. Die allergrößte Schwierigkeit besteht aber tatsächlich darin, dass man beständig mit immer wieder neuen grandiosen Ausblicken konfrontiert wird, die es fast unmöglich machen, dem Straßenverlauf die volle Aufmerksamkeit zu widmen. Das einzige Gegenmittel: Anhalten, Motor aus und sich am Panorama sattsehen.


Unsere erste Etappe aus Dublin raus begann gleich mal etwas holprig. Zuallererst waren sämtliche Straßen in und um die Stadt ein einziger Stau und dann wollte Marios mitgebrachter Helm plötzlich nicht mehr passen. Und zwar auf eine Weise, dass unbedingt Ersatz her musste. Der fand sich nach einiger Sucherei schließlich, wenn auch zu einem Preis, bei dem man kurz scharf einatmen muss. 


Nun sind wir schon ein paar Tage unterwegs und das Wetter war uns größtenteils gnädig. Außer heute, wo es dauerregnet und wir den Tag nutzen, um zum Beispiel diesen Text zu schreiben. Die Fahrtage sind geprägt von Ahs und Ohs und das nicht nur wegen der schönen Landschaft, sondern auch Souveränität und Komfort unserer neuen Gefährte bringen uns regelmäßig ins Schwärmen.


Auf den nächsten Etappen warten ganz besondere Highlights wie die Beara Halbinsel und der Ring of Kerry auf uns. Schwer vorstellbar, dass sich das bisher Gesehene tatsächlich noch toppen lässt, aber wir lassen uns gern eines Besseren belehren. 





















































Montag, 7. September 2026

Der Neuanfang

Unseren letzten Blogeintrag haben wir „Das Ende“ genannt. Am Ende unserer letzten Etappe durch Kanada saßen wir auf unseren alten Motorrädern und ertappten uns bei dem Gedanken, wie schön es jetzt wäre, auf etwas Größerem und Modernerem zu sitzen. Mehr Leistung, weniger Vibrationen, besserer Windschutz und vielleicht sogar ein bisschen elektronischer Schnickschnack.

Nun, da sind wir. BikeByBit ist wieder unterwegs – und dieses Mal auf zwei BMW R1250 GS. Es ist tatsächlich ein Neuanfang. Nach all den Jahren und Kilometern auf unseren alten Motorrädern beginnt damit ein neues Kapitel unserer Reise. 

Diesmal führt uns die Reise nach Irland, Nordirland und später noch ein Stück durch Wales.

Um dorthin zu kommen, mussten wir zunächst einmal durch Frankreich. Was ich bei der Planung für mich eher als notwendige Anreise abqualifiziert hatte, entpuppte sich unerwartet als eines der Highlights der gesamten Reise.

Drei Tage waren wir unterwegs von der Südpfalz bis nach Cherbourg – und dabei so gut wie ausschließlich auf kleinen und kleinsten Straßen. Genau so war es geplant. Inzwischen navigieren wir beide mit Calimoto, die App macht bei der Routenplanung und insbesondere der Vermeidung gesperrter Straßen ziemlich genau das, was wir so erwarten.

Schon die Ardennen lieferten alles, was man sich als Motorradfahrer wünschen kann: Berge, Kurven und reichlich Gelegenheit für Schräglage. Danach wurde die Landschaft allmählich weiter, die Straßen aber nicht größer. Durch die Normandie führte uns die Route über schmale Landstraßen, durch winzige Dörfer, Wälder und Felder und Sträßchen, die nur dazu da sind, dass der Bauer zu seinem Acker kommt.

Die Vorliebe für kleine Straßen hat in Frankreich allerdings einen gewissen Nebeneffekt. Jedes noch so kleine Dorf hat seine 30er-Zonen – und diese Tempolimits werden mit einer stattlichen Anzahl von mit der Zeit ausgesprochen nervigen Temposchwellen durchgesetzt. Also abbremsen, drüberholpern, beschleunigen, nächster Bumper, wieder abbremsen. Kaum hat man das Dorf hinter sich und wieder Fahrt aufgenommen, kündigt das nächste Ortsschild die Fortsetzung des Programms an. Bei zehn Stunden auf dem Motorrad entwickelt man irgendwann eine durchaus persönliche Beziehung zu diesen Dingern.

Landschaftlich waren diese drei Tage trotzdem schlicht großartig und weit mehr als nur die notwendige Anreise zur eigentlichen Reise.

Ganz entspannt war die Sache allerdings nicht. Die Fähre in Cherbourg würde schließlich nicht auf uns warten, und damit stand schon vor der Abfahrt fest, wann wir spätestens am Fährhafen sein mussten. Das Ergebnis waren ziemlich lange Fahrtage. Bis zu zehn Stunden waren wir täglich unterwegs, und auch bei Pausen und Sightseeing galt eher das Prinzip Stoppuhr. Anschauen ja, verweilen nein. Und genau dabei zeigte sich schon nach diesen ersten drei Tagen, was für einen Unterschied unsere neuen Reisegefährten machen. Natürlich sind auch zehn Stunden auf einer GS zehn Stunden auf einem Motorrad. Aber wie viel weniger ermüdend Motorradfahren trotz solcher Tage sein kann, hat uns dann doch überrascht. 

Immerhin spielte das Wetter mit. 

Drei Tage nahezu perfektes Motorradwetter machten es uns ausgesprochen leicht, auch die langen Tage zu genießen.

Die erste Nacht verbrachten wir in Charleville-Mézières im „Le Dormeur du Val“. Das Hotel wollte erkennbar stylisch sein, wobei die Umsetzung einem sympathischen Selfmade-Prinzip folgte. Als hätte jemand beschlossen, dass man für ein Designhotel nicht zwingend einen Designer braucht. 

Am nächsten Tag ging es weiter Richtung Normandie und schließlich in die Gegend der Seine-Mündung. Hier änderte sich das Bild noch einmal und es wurde es ausgesprochen mondän. Herausgeputzte Orte, prächtige Häuser; wer hier wohnt - vielleicht sogar nur mal am Wochenende - der hat es vermutlich geschafft.

Am Abend landeten wir in Tourville-les-Ifs. Dort hatten wir uns spontan für die Nacht in einem wunderschönen alten Haus eingemietet. Die Besitzer, ein junges sympathisches Paar, arbeiten unter der Woche in Paris und verbringen die Wochenenden hier auf dem Land. Wir hatten die ganze obere Etage für uns, verbrachten aber den Großteil des Abends unten in der Küche bei angeregten Gesprächen.

Am dritten Tag kam dann noch die Küste dazu. Und die war streckenweise schlicht atemberaubend. Wir fuhren entlang der normannischen Steilküste und machten einen Sightseeing-Stopp in Étretat mit seinen berühmten Kreidefelsen und Felsentoren. Auch hier mit einem ständigen Blick auf die Uhr.

Danach ging es weiter Richtung Westen und schließlich zu den Landungsstränden und einigen Überresten des Atlantikwalls. Utah Beach und die Batterie von Crisbecq lagen einigermaßen auf unserem Weg und boten sich damit für einen weiteren, ebenfalls zeitlich streng limitierten Zwischenstopp an.

Pünktlich erreichten wir schließlich Cherbourg und damit rechtzeitig unsere Fähre.

Was angesichts meiner ansonsten seit Monaten sorgfältig betriebenen Planung durchaus erwähnenswert ist. Denn an anderer Stelle hatte diese bereits eine kleine Schwäche offenbart.

Unser erstes Bed & Breakfast in Dublin hatte ich nämlich schon vor einem halben Jahr gebucht. Rechtzeitig, vorausschauend und bestens organisiert. Nur eine Kleinigkeit hatte ich dabei übersehen: Dass die Fähre von Cherbourg nach Dublin praktisch einen ganzen Tag braucht. 

Das B&B hatte ich für einen Tag zu früh gebucht! Mist!

Aufgefallen ist mir das übrigens auch nicht selbst, irgendwann während der vergangenen sechs Monate. Gestern Abend auf der Fähre erreichte mich eine freundliche Mail unserer Gastgeberin mit der Frage, wo wir denn bleiben würden.

Tja.

Wir sind auf der Fähre.

Die Motorräder stehen ein Deck tiefer, wir haben unsere Kabine bezogen und Dublin muss noch einen Tag ohne uns auskommen.

Morgen sind wir dann wirklich da.