Montag, 7. September 2026

Der Neuanfang

Unseren letzten Blogeintrag haben wir „Das Ende“ genannt. Am Ende unserer letzten Etappe durch Kanada saßen wir auf unseren alten Motorrädern und ertappten uns bei dem Gedanken, wie schön es jetzt wäre, auf etwas Größerem und Modernerem zu sitzen. Mehr Leistung, weniger Vibrationen, besserer Windschutz und vielleicht sogar ein bisschen elektronischer Schnickschnack.

Nun, da sind wir. BikeByBit ist wieder unterwegs – und dieses Mal auf zwei BMW R1250 GS. Es ist tatsächlich ein Neuanfang. Nach all den Jahren und Kilometern auf unseren alten Motorrädern beginnt damit ein neues Kapitel unserer Reise. 

Diesmal führt uns die Reise nach Irland, Nordirland und später noch ein Stück durch Wales.

Um dorthin zu kommen, mussten wir zunächst einmal durch Frankreich. Was ich bei der Planung für mich eher als notwendige Anreise abqualifiziert hatte, entpuppte sich unerwartet als eines der Highlights der gesamten Reise.

Drei Tage waren wir unterwegs von der Südpfalz bis nach Cherbourg – und dabei so gut wie ausschließlich auf kleinen und kleinsten Straßen. Genau so war es geplant. Inzwischen navigieren wir beide mit Calimoto, die App macht bei der Routenplanung und insbesondere der Vermeidung gesperrter Straßen ziemlich genau das, was wir so erwarten.

Schon die Ardennen lieferten alles, was man sich als Motorradfahrer wünschen kann: Berge, Kurven und reichlich Gelegenheit für Schräglage. Danach wurde die Landschaft allmählich weiter, die Straßen aber nicht größer. Durch die Normandie führte uns die Route über schmale Landstraßen, durch winzige Dörfer, Wälder und Felder und Sträßchen, die nur dazu da sind, dass der Bauer zu seinem Acker kommt.

Die Vorliebe für kleine Straßen hat in Frankreich allerdings einen gewissen Nebeneffekt. Jedes noch so kleine Dorf hat seine 30er-Zonen – und diese Tempolimits werden mit einer stattlichen Anzahl von mit der Zeit ausgesprochen nervigen Temposchwellen durchgesetzt. Also abbremsen, drüberholpern, beschleunigen, nächster Bumper, wieder abbremsen. Kaum hat man das Dorf hinter sich und wieder Fahrt aufgenommen, kündigt das nächste Ortsschild die Fortsetzung des Programms an. Bei zehn Stunden auf dem Motorrad entwickelt man irgendwann eine durchaus persönliche Beziehung zu diesen Dingern.

Landschaftlich waren diese drei Tage trotzdem schlicht großartig und weit mehr als nur die notwendige Anreise zur eigentlichen Reise.

Ganz entspannt war die Sache allerdings nicht. Die Fähre in Cherbourg würde schließlich nicht auf uns warten, und damit stand schon vor der Abfahrt fest, wann wir spätestens am Fährhafen sein mussten. Das Ergebnis waren ziemlich lange Fahrtage. Bis zu zehn Stunden waren wir täglich unterwegs, und auch bei Pausen und Sightseeing galt eher das Prinzip Stoppuhr. Anschauen ja, verweilen nein. Und genau dabei zeigte sich schon nach diesen ersten drei Tagen, was für einen Unterschied unsere neuen Reisegefährten machen. Natürlich sind auch zehn Stunden auf einer GS zehn Stunden auf einem Motorrad. Aber wie viel weniger ermüdend Motorradfahren trotz solcher Tage sein kann, hat uns dann doch überrascht. 

Immerhin spielte das Wetter mit. 

Drei Tage nahezu perfektes Motorradwetter machten es uns ausgesprochen leicht, auch die langen Tage zu genießen.

Die erste Nacht verbrachten wir in Charleville-Mézières im „Le Dormeur du Val“. Das Hotel wollte erkennbar stylisch sein, wobei die Umsetzung einem sympathischen Selfmade-Prinzip folgte. Als hätte jemand beschlossen, dass man für ein Designhotel nicht zwingend einen Designer braucht. 

Am nächsten Tag ging es weiter Richtung Normandie und schließlich in die Gegend der Seine-Mündung. Hier änderte sich das Bild noch einmal und es wurde es ausgesprochen mondän. Herausgeputzte Orte, prächtige Häuser; wer hier wohnt - vielleicht sogar nur mal am Wochenende - der hat es vermutlich geschafft.

Am Abend landeten wir in Tourville-les-Ifs. Dort hatten wir uns spontan für die Nacht in einem wunderschönen alten Haus eingemietet. Die Besitzer, ein junges sympathisches Paar, arbeiten unter der Woche in Paris und verbringen die Wochenenden hier auf dem Land. Wir hatten die ganze obere Etage für uns, verbrachten aber den Großteil des Abends unten in der Küche bei angeregten Gesprächen.

Am dritten Tag kam dann noch die Küste dazu. Und die war streckenweise schlicht atemberaubend. Wir fuhren entlang der normannischen Steilküste und machten einen Sightseeing-Stopp in Étretat mit seinen berühmten Kreidefelsen und Felsentoren. Auch hier mit einem ständigen Blick auf die Uhr.

Danach ging es weiter Richtung Westen und schließlich zu den Landungsstränden und einigen Überresten des Atlantikwalls. Utah Beach und die Batterie von Crisbecq lagen einigermaßen auf unserem Weg und boten sich damit für einen weiteren, ebenfalls zeitlich streng limitierten Zwischenstopp an.

Pünktlich erreichten wir schließlich Cherbourg und damit rechtzeitig unsere Fähre.

Was angesichts meiner ansonsten seit Monaten sorgfältig betriebenen Planung durchaus erwähnenswert ist. Denn an anderer Stelle hatte diese bereits eine kleine Schwäche offenbart.

Unser erstes Bed & Breakfast in Dublin hatte ich nämlich schon vor einem halben Jahr gebucht. Rechtzeitig, vorausschauend und bestens organisiert. Nur eine Kleinigkeit hatte ich dabei übersehen: Dass die Fähre von Cherbourg nach Dublin praktisch einen ganzen Tag braucht. 

Das B&B hatte ich für einen Tag zu früh gebucht! Mist!

Aufgefallen ist mir das übrigens auch nicht selbst, irgendwann während der vergangenen sechs Monate. Gestern Abend auf der Fähre erreichte mich eine freundliche Mail unserer Gastgeberin mit der Frage, wo wir denn bleiben würden.

Tja.

Wir sind auf der Fähre.

Die Motorräder stehen ein Deck tiefer, wir haben unsere Kabine bezogen und Dublin muss noch einen Tag ohne uns auskommen.

Morgen sind wir dann wirklich da.
















































Dienstag, 24. Juni 2025

Das Ende

Nach der Überfahrt von Neufundland ging es noch nicht direkt zum Endpunkt der Reise, der dieses Jahr Halifax war. Zuerst stand Cape Breton Island auf dem Plan – genauer gesagt: der Cabot Trail. Eine der legendärsten Motorradstrecken in der Gegend, und das völlig zu Recht. Großartige Ausblicke aufs Meer, enge Kurven, lange Anstiege und Abfahrten, raues Küstenland – fahrerisch und landschaftlich ein Traum. Für viele nordamerikanische Motorradfahrer sicher ein Sehnsuchtsort. Für uns: ein letztes herausragendes Highlight.

Danach folgten wir der Atlantikküste westwärts Richtung Halifax. Oft lag Nebel über dem Wasser, der die Landschaft still und wie entrückt erscheinen ließ. Dazwischen klare, sonnige Abschnitte, in denen alles plötzlich wie frisch gezeichnet wirkte. Links das Meer, rechts kleine Orte, offene Landschaft, mal ein paar Bäume, immer wieder Fischerboote am Horizont. Ein Panorama ohne große Dramatik, aber mit viel Weite und Ruhe.

Eine unserer letzten Übernachtungen verbrachten wir in einem Haus direkt am Meer. Vor dem Wohnzimmerfenster konnte man auf zwei Sesseln Platz nehmen und hatte den Blick frei auf dunkles Wasser, Nebel und absolute Ruhe. Eine mystische Stimmung, wie gemalt, an der wir uns kaum sattsehen konnten. Es gibt ja bei einer Reise immer Bilder die bleiben, das ist ohne Zweifel eines davon.

Danach hatte wir nur noch drei Tage, um die Küste rund um Halifax zu erkunden. Wir besuchten Peggy's Cove, ein malerisches Fischerdorf, das leider starke Symptome von der inzwischen weit verbreiteten Krankheit namens Overtourism zeigte und machten am Memorial des Swissair-Absturzes halt, der 1998 ganz in der Nähe stattgefunden hatte. Ein stiller Ort mit Blick aufs Meer, der sich nicht erklären muss.

Die letzten Kilometer genossen wir dann nochmal in vollen Zügen und ich ertappte mich beim Fahren dabei, wie ich schon anfing Kanada zu vermissen, bevor wir überhaupt abgereist waren. Unterwegs wurden wir immer wieder angesprochen. Die Aufkleber mit den Länderflaggen auf unseren Motorrädern erzählen mehr als wir je in einem Gespräch unterbringen könnten. Es gab wie immer viel Anerkennung und manchen leuchtete das etappenweise Reisekonzept so ein, dass man an ihren Augen ablesen konnte, wie sie anfingen zu träumen. Das tat gut. Unsere Wehmut galt im übrigen nicht nur dem Abschied von Nordamerika sondern auch unseren treuen, inzwischen etwas müden, Reisegefährten. Sie haben uns durch mehr als ein Jahrzehnt über ganze Kontinente um die Welt getragen, durch Kälte, Hitze, Pannen, Grenzen, Bürokratien, Landschaften und Geschichten. Und doch schob sich auf dieser letzten Etappe immer wieder ein Gedanke in den Vordergrund, der sich fast wie Verrat anfühlte: Wie schön wäre es, jetzt auf einem größeren, moderneren Motorrad zu sitzen. Mehr Leistung, weniger Vibrationen, besserer Windschutz, vielleicht sogar ein bisschen elektronischer Schnickschnack. Nach all den Jahren, all den Kilometern und der inzwischen deutlich spürbaren Patina unserer Maschinen ist der Wunsch nach etwas Neuem verständlich – aber eben nicht ohne schlechtes Gewissen. Die alten Motorräder haben nie aufgegeben. Sie haben mitgemacht, manchmal geächzt, aber durchgehalten. Dafür sind wir ihnen unendlich dankbar – und bringen sie jetzt wieder zurück nach Hause. Auch wenn das wirtschaftlich keinerlei Sinn ergibt.

Im Moment des Schreibens schaukeln die beiden übrigens gerade gemeinsam in ihrem Container auf einem Schiff über den Atlantik. 

Somit ist das hier das Ende und gleichzeitig der Anfang von etwas Neuem. Ganz gemäß dem Reisekonzept. Wir freuen uns auf das, was noch kommt.