Sonntag, 27. September 2026

Inselhopping

Von den stürmischen Slieve Leagues ging es gleich zum nächsten windumtosten Zipfel Irlands, dem Malin Head, der gleichzeitig den nördlichsten Punkt der grünen Insel darstellt. 

Der Grenzübertritt nach Nordirland erfolgte gänzlich unspektakulär per Fährpassage, und doch fährt ab der Ankunft auf der anderen Seite ein unsichtbares Thema mit. Denn während im Straßenbild lediglich die Schilder von Kilometern auf Meilen wechseln, wiegt die jüngere Geschichte schwer. Das Spannungsverhältnis zwischen Nationalisten und Unionisten erinnert oberflächlich in seiner Alltäglichkeit ein wenig an die tief sitzenden gesellschaftlichen Vorurteile zwischen Ost- und Westdeutschen, nur dass hier aus Nachbarschaftsrivalitäten und politischer Spaltung über Jahrzehnte blutige Realität und echte Narben wurden. In Belfast würde diese Geschichte für uns noch greifbar werden. 

Dort angekommen, trafen wir uns aber zunächst abends im belebten Kneipenviertel mit einem anderen deutschen Motorradfahrer. Man läuft sich auf solchen Reisen ja überraschend oft über den Weg und nachdem wir uns unterwegs bereits zwei Mal zufällig begegnet waren, passte der Anlass perfekt für ein gemeinsames Kaltgetränk und Motorradreise-Gespräche.


Bevor wir am nächsten Tag unerwartet tief in die bewegte Historie der Stadt eintauchten, stand noch ein anderer Termin in Form eines Besuchs des Titanic Quarters an. Das architektonisch spektakuläre Titanic Museum steht exakt an der Stelle, an der die Werft Harland & Wolff einst den glücklosen Ozeanriesen konstruierte und vom Stapel ließ. Die Ausstellung bereitet die maritime Ingenieurskunst und den tragischen Mythos extrem eindrucksvoll und technisch höchst aufwendig auf.


Einen noch nachhaltigeren Eindruck hinterließ jedoch die anschließende Black Taxi Tour durch die Viertel der Stadt. Unser Taxifahrer war etwa 60 Jahre alt, ist mitten im Nordirlandkonflikt aufgewachsen und hat den Konflikt buchstäblich hautnah miterlebt. Die Tour führte in sein Viertel, in dem Schusswaffen und Bomben einst den Alltag auf offener Straße bestimmten. Er erzählte eindringlich davon, wie die Religionszugehörigkeit der Kinder schon an der Farbe ihrer Schuluniform ablesbar war und dass sie regelmäßig in gepanzerten Fahrzeugen zur Schule transportiert werden mussten, weil der Weg unvermeidbar durch Straßenzüge der jeweils anderen Seite führte. In den dunkelsten Phasen des Konflikts ging es scheinbar endlos immer wieder nur schlicht um Vergeltung. Das Tragische daran war, dass beide Seiten unter der endlosen Spirale aus Gewalt und Verlust gleichermaßen litten. Es starben unzählige Unbeteiligte, darunter auch Kinder. Doch in der Hitze der Ereignisse gab es keinerlei Raum für die Erkenntnis, dass es der Gegenseite exakt genauso ging. Diese ungeschönten Berichte aus erster Hand gingen extrem unter die Haut.


In etwas gedrückter Stimmung ging es für uns danach gleich weiter zum Fähranleger. Die Motorräder rollten auf die Fähre nach Cairnryan. Nächster Halt war Schottland bei Nacht. 




























Freitag, 18. September 2026

Vom Winde verweht

Im letzten Blogeintrag war noch zu lesen, dass uns das Wetter bisher „größtenteils gnädig“ gewesen sei.

Das hätten wir vielleicht nicht schreiben sollen.

Inzwischen wissen wir, dass „Regen“ und „Wind“ in Irland Begriffe sind, deren Bedeutung man als Mitteleuropäer möglicherweise nicht in ihrer ganzen Tragweite erfasst. Gleichzeitig macht es einem dieses Land ausgesprochen schwer, ihm dafür böse zu sein. 

Nach einem ersten wetterbedingten Ruhetag in Kilcrohane war zunächst aber wieder gutes Wetter vorhergesagt. Nächster Programmpunkt war Beara. Die Fahrt über die Halbinsel und natürlich den Healy Pass bot genau das, was wir uns gewünscht hatten: Sonne, blauer Himmel, Berge, enge Kurven und immer wieder der atemberaubende Blick auf den Atlantik (der hier nicht verstellt wird von Reisebussen und Wohnmobilen, da diese auf den schmalen Straßen nicht zugelassen sind).

Schon lange vor Beginn der Reise hatten wir zufällig festgestellt, dass Grit und Stan, zwei (ehemalige) Kollegen aus Karlsruhe, zur gleichen Zeit in Irland im Urlaub sein werden und verabredet, uns unterwegs irgendwo zu treffen. Die beiden waren allerdings eine ganze Woche vor uns aufgebrochen und hatten damit einen Vorsprung, der ein Zusammentreffen zunehmend unwahrscheinlich erscheinen ließ. Dank geteilter Live-Standorte ließen sich unsere Wege aber tatsächlich doch noch kreuzen. Und so schafften wir es an ihrem letzten Urlaubstag, uns in Kenmare zu treffen – bei bestem Sonnenschein übrigens. Man muss es nur richtig timen.

Danach sollte mit dem Ring of Kerry eines der großen Highlights unserer Reise folgen.

„Sollte“ ist dabei das entscheidende Wort.

Denn ausgerechnet hier zeigte sich Irland von seiner weniger fotogenen Seite. Regen, tiefhängende Wolken und schlechte Sicht sorgten dafür, dass wir vom vielgerühmten Panorama des Ring of Kerry streckenweise ausschließlich eine recht detaillierte Vorstellung von dem anderen irischen Wetter bekamen.

Richtig ungemütlich wurde es am Connor Pass. Der Regen war inzwischen so heftig und die Sicht so schlecht, dass alle nur noch im Schritttempo oder noch langsamer unterwegs waren und wir oft minutenlang stehen bleiben mussten, um entgegenkommende Autos passieren zu lassen.

In einem dieser Momente spürte ich plötzlich den ersten Wassertropfen meinen Bauch hinunterlaufen. Die damit verbundene, ziemlich eindeutige Erkenntnis war: Die letzte Verteidigungslinie ist nun gefallen. Die Frage des Nasswerdens hatte sich ab diesem Zeitpunkt vom „ob“ zum „wie viel“ verschoben.

Und je weiter wir nach Norden kamen, desto mehr gesellte sich zum Regen ein zweiter Reisebegleiter.

Wind.

Und gestern, bei Slieve League, beschloss der offenbar, uns einmal zu zeigen, was er wirklich kann.

Als Motorradfahrer hatten wir immerhin einen kleinen Vorteil: Wir durften die Straße bis zum oberen Parkplatz am Aussichtspunkt fahren, während die übrigen Besucher das letzte Stück entweder zu Fuß unterwegs oder auf den Shuttlebus angewiesen waren. 

Von dort machten wir uns zu Fuß auf den Trail entlang der Klippen.

Der Wind war gewaltig. Teilweise fiel es schon schwer, überhaupt vernünftig zu laufen, und selbst die Wasserfälle an den Klippen hatten Schwierigkeiten mit der Umsetzung ihres Auftrages. Statt der Schwerkraft folgend nach unten zu fallen, wurde das Wasser von den Böen wieder zurück nach oben und über die Klippenkante geblasen.

Trotzdem gab es zwischendurch immer wieder Phasen, in denen der Wind etwas nachließ. Und weil ich die Drohne schließlich nicht umsonst den ganzen Weg „mitgeschleppt“ hatte und das Panorama geradezu nach Luftaufnahmen verlangte, beschlossen wir in einem solchen Moment, sie doch kurz fliegen zu lassen.

Das war ein Fehler.

Zunächst ging alles gut. Die Drohne war in der Luft und die erste Aufnahme im Kasten. Doch dann frischte der Wind wieder auf. Innerhalb kürzester Zeit erschien die eindringliche Warnung wegen zu starken Windes und die Drohne kämpfte zunehmend darum, überhaupt noch gegen die Böen anzukommen. Zurückfliegen wurde zum Problem, an eine normale Landung war schließlich überhaupt nicht mehr zu denken.

Aus dem entspannten Versuch, ein paar schöne Luftaufnahmen zu machen, wurde ziemlich schnell die bange Frage, ob ich gerade dabei war, die Drohne dem Atlantik zu überlassen.

Irgendwie schaffte ich es schließlich, sie nah genug zu mir heranzubekommen, um sie im Flug mit der Hand zu greifen. Ein Manöver, das möglicherweise in der Bedienungsanleitung nicht als bevorzugte Landemethode empfohlen wird, in diesem Moment aber alternativlos erschien. Zumal die Drohne dieses Manöver als Landung nicht akzeptierte und verzweifelt versuchte, wieder zurück in die Luft zu kommen. Und ich mangels Lektüre der Bedienungsanleitung nicht wusste, wie ich sie davon überzeugen sollte, dass sie nun doch in Sicherheit war und gerne die Propeller abstellen durfte.

Irgendwann war aber auch das irgendwie geschafft - Drohne gerettet.

Zurück bei den Motorrädern sorgte der Wind noch einmal für Nachdruck. Ich wollte gerade meinem Helm für die Rückfahrt aufsetzen, als eine Böe meine auf dem Seitenständer stehende, über 250 kg wiegende GS so heftig erwischte, dass sie zu kippen begann. Matti konnte sie gerade noch zurückdrücken, bevor sie wie ein Dominostein auf sein Motorrad gestürzt wäre. 

Spätestens damit war die Botschaft des Tages verstanden.

Die Vorhersage für heute wiederum war so schlecht, dass wir beschlossen hatten, einen erneuten Pausentag einzulegen. Ohnehin mussten Wäsche gewaschen und Blog geschrieben werden. Gebucht hatten wir ein kleines Haus am Fuße der Klippen. In Ermangelung von Restaurants in der Nähe hatten wir uns im nächstgelegenen, 21 km entfernten SuperValu ausreichend für zwei Tage mit Lebens- und Genussmitteln eingedeckt. 

Die vorgefundene Schlafsituation war allerdings ernüchternd. Matti hat mir großzügig das Schlafzimmer überlassen und mit der Schlafcouch vorlieb genommen. Die hat allerdings keine richtige Matratze und Matti liegt quasi auf den blanken Federn. Ich versichere ihm wiederholt mein ausgesprochen schlechtes Gewissen.

Außerdem beschäftigte uns inzwischen noch ein anderes Problem: Mattis Kilometerstand. Bei der ursprünglichen Überschlagsrechnung war er davon ausgegangen, dass die nächste (für die Garantieansprüche alternativlose) Inspektion erst nach der Reise fällig werden würde. Mittlerweile ist klar, dass wir deutlich mehr fahren werden als gedacht. Und damit die Inspektion schneller fällig würde, als ihm lieb war. Also verbrachte er nicht unerheblich Zeit damit, Werkstätten abzutelefonieren und irgendwo auf unserer weiteren Route einen Inspektionstermin zu ergattern. Was sich als erstaunlich schwierig erwies. Mittlerweile ist es aber gelungen.

Heute Mittag beschlossen wir in einer kurzen Regenpause, für den zweiten Kaffee schnell in das kleine Café zu laufen, das keine zwei Minuten entfernt liegt.

Davor standen zwei Motorräder, so weit nichts Ungewöhnliches. Als wir näher kamen, war mein erster Gedanke: Das gibt‘s doch nicht, Germersheimer Kennzeichen! Also rein ins Café und rausfinden, wem die Motorräder gehören. Wir fanden Klaus und Sandra. Die beiden haben sich vier Monate Sabbatical genommen und sind seitdem mit ihren Motorrädern in Europa unterwegs. Klaus arbeitet in einer Firma gerade mal zwei Minuten von meinem Haus entfernt - was für ein Zufall!

Aus dem eigentlich nur für einen Kaffee gedachten kurzen Besuch wurde ein wunderbarer Nachmittag, an dem wir Reisegeschichten austauschten, von Strecken, Erlebnissen und dem einen oder anderen Wetterproblem erzählten und gegenseitig unsere Blogadressen austauschten. Und beschlossen, in Verbindung zu bleiben.