Freitag, 18. September 2026

Vom Winde verweht

Im letzten Blogeintrag war noch zu lesen, dass uns das Wetter bisher „größtenteils gnädig“ gewesen sei.

Das hätten wir vielleicht nicht schreiben sollen.

Inzwischen wissen wir, dass „Regen“ und „Wind“ in Irland Begriffe sind, deren Bedeutung man als Mitteleuropäer möglicherweise nicht in ihrer ganzen Tragweite erfasst. Gleichzeitig macht es einem dieses Land ausgesprochen schwer, ihm dafür böse zu sein. 

Nach einem ersten wetterbedingten Ruhetag in Kilcrohane war zunächst aber wieder gutes Wetter vorhergesagt. Nächster Programmpunkt war Beara. Die Fahrt über die Halbinsel und natürlich den Healy Pass bot genau das, was wir uns gewünscht hatten: Sonne, blauer Himmel, Berge, enge Kurven und immer wieder der atemberaubende Blick auf den Atlantik (der hier nicht verstellt wird von Reisebussen und Wohnmobilen, da diese auf den schmalen Straßen nicht zugelassen sind).

Schon lange vor Beginn der Reise hatten wir zufällig festgestellt, dass Grit und Stan, zwei (ehemalige) Kollegen aus Karlsruhe, zur gleichen Zeit in Irland im Urlaub sein werden und verabredet, uns unterwegs irgendwo zu treffen. Die beiden waren allerdings eine ganze Woche vor uns aufgebrochen und hatten damit einen Vorsprung, der ein Zusammentreffen zunehmend unwahrscheinlich erscheinen ließ. Dank geteilter Live-Standorte ließen sich unsere Wege aber tatsächlich doch noch kreuzen. Und so schafften wir es an ihrem letzten Urlaubstag, uns in Kenmare zu treffen – bei bestem Sonnenschein übrigens. Man muss es nur richtig timen.

Danach sollte mit dem Ring of Kerry eines der großen Highlights unserer Reise folgen.

„Sollte“ ist dabei das entscheidende Wort.

Denn ausgerechnet hier zeigte sich Irland von seiner weniger fotogenen Seite. Regen, tiefhängende Wolken und schlechte Sicht sorgten dafür, dass wir vom vielgerühmten Panorama des Ring of Kerry streckenweise ausschließlich eine recht detaillierte Vorstellung von dem anderen irischen Wetter bekamen.

Richtig ungemütlich wurde es am Connor Pass. Der Regen war inzwischen so heftig und die Sicht so schlecht, dass alle nur noch im Schritttempo oder noch langsamer unterwegs waren und wir oft minutenlang stehen bleiben mussten, um entgegenkommende Autos passieren zu lassen.

In einem dieser Momente spürte ich plötzlich den ersten Wassertropfen meinen Bauch hinunterlaufen. Die damit verbundene, ziemlich eindeutige Erkenntnis war: Die letzte Verteidigungslinie ist nun gefallen. Die Frage des Nasswerdens hatte sich ab diesem Zeitpunkt vom „ob“ zum „wie viel“ verschoben.

Und je weiter wir nach Norden kamen, desto mehr gesellte sich zum Regen ein zweiter Reisebegleiter.

Wind.

Und gestern, bei Slieve League, beschloss der offenbar, uns einmal zu zeigen, was er wirklich kann.

Als Motorradfahrer hatten wir immerhin einen kleinen Vorteil: Wir durften die Straße bis zum oberen Parkplatz am Aussichtspunkt fahren, während die übrigen Besucher das letzte Stück entweder zu Fuß unterwegs oder auf den Shuttlebus angewiesen waren. 

Von dort machten wir uns zu Fuß auf den Trail entlang der Klippen.

Der Wind war gewaltig. Teilweise fiel es schon schwer, überhaupt vernünftig zu laufen, und selbst die Wasserfälle an den Klippen hatten Schwierigkeiten mit der Umsetzung ihres Auftrages. Statt der Schwerkraft folgend nach unten zu fallen, wurde das Wasser von den Böen wieder zurück nach oben und über die Klippenkante geblasen.

Trotzdem gab es zwischendurch immer wieder Phasen, in denen der Wind etwas nachließ. Und weil ich die Drohne schließlich nicht umsonst den ganzen Weg „mitgeschleppt“ hatte und das Panorama geradezu nach Luftaufnahmen verlangte, beschlossen wir in einem solchen Moment, sie doch kurz fliegen zu lassen.

Das war ein Fehler.

Zunächst ging alles gut. Die Drohne war in der Luft und die erste Aufnahme im Kasten. Doch dann frischte der Wind wieder auf. Innerhalb kürzester Zeit erschien die eindringliche Warnung wegen zu starken Windes und die Drohne kämpfte zunehmend darum, überhaupt noch gegen die Böen anzukommen. Zurückfliegen wurde zum Problem, an eine normale Landung war schließlich überhaupt nicht mehr zu denken.

Aus dem entspannten Versuch, ein paar schöne Luftaufnahmen zu machen, wurde ziemlich schnell die bange Frage, ob ich gerade dabei war, die Drohne dem Atlantik zu überlassen.

Irgendwie schaffte ich es schließlich, sie nah genug zu mir heranzubekommen, um sie im Flug mit der Hand zu greifen. Ein Manöver, das möglicherweise in der Bedienungsanleitung nicht als bevorzugte Landemethode empfohlen wird, in diesem Moment aber alternativlos erschien. Zumal die Drohne dieses Manöver als Landung nicht akzeptierte und verzweifelt versuchte, wieder zurück in die Luft zu kommen. Und ich mangels Lektüre der Bedienungsanleitung nicht wusste, wie ich sie davon überzeugen sollte, dass sie nun doch in Sicherheit war und gerne die Propeller abstellen durfte.

Irgendwann war aber auch das irgendwie geschafft - Drohne gerettet.

Zurück bei den Motorrädern sorgte der Wind noch einmal für Nachdruck. Ich wollte gerade meinem Helm für die Rückfahrt aufsetzen, als eine Böe meine auf dem Seitenständer stehende, über 250 kg wiegende GS so heftig erwischte, dass sie zu kippen begann. Matti konnte sie gerade noch zurückdrücken, bevor sie wie ein Dominostein auf sein Motorrad gestürzt wäre. 

Spätestens damit war die Botschaft des Tages verstanden.

Die Vorhersage für heute wiederum war so schlecht, dass wir beschlossen hatten, einen erneuten Pausentag einzulegen. Ohnehin mussten Wäsche gewaschen und Blog geschrieben werden. Gebucht hatten wir ein kleines Haus am Fuße der Klippen. In Ermangelung von Restaurants in der Nähe hatten wir uns im nächstgelegenen, 21 km entfernten SuperValu ausreichend für zwei Tage mit Lebens- und Genussmitteln eingedeckt. 

Die vorgefundene Schlafsituation war allerdings ernüchternd. Matti hat mir großzügig das Schlafzimmer überlassen und mit der Schlafcouch vorlieb genommen. Die hat allerdings keine richtige Matratze und Matti liegt quasi auf den blanken Federn. Ich versichere ihm wiederholt mein ausgesprochen schlechtes Gewissen.

Außerdem beschäftigte uns inzwischen noch ein anderes Problem: Mattis Kilometerstand. Bei der ursprünglichen Überschlagsrechnung war er davon ausgegangen, dass die nächste (für die Garantieansprüche alternativlose) Inspektion erst nach der Reise fällig werden würde. Mittlerweile ist klar, dass wir deutlich mehr fahren werden als gedacht. Und damit die Inspektion schneller fällig würde, als ihm lieb war. Also verbrachte er nicht unerheblich Zeit damit, Werkstätten abzutelefonieren und irgendwo auf unserer weiteren Route einen Inspektionstermin zu ergattern. Was sich als erstaunlich schwierig erwies. Mittlerweile ist es aber gelungen.

Heute Mittag beschlossen wir in einer kurzen Regenpause, für den zweiten Kaffee schnell in das kleine Café zu laufen, das keine zwei Minuten entfernt liegt.

Davor standen zwei Motorräder, so weit nichts Ungewöhnliches. Als wir näher kamen, war mein erster Gedanke: Das gibt‘s doch nicht, Germersheimer Kennzeichen! Also rein ins Café und rausfinden, wem die Motorräder gehören. Wir fanden Klaus und Sandra. Die beiden haben sich vier Monate Sabbatical genommen und sind seitdem mit ihren Motorrädern in Europa unterwegs. Klaus arbeitet in einer Firma gerade mal zwei Minuten von meinem Haus entfernt - was für ein Zufall!

Aus dem eigentlich nur für einen Kaffee gedachten kurzen Besuch wurde ein wunderbarer Nachmittag, an dem wir Reisegeschichten austauschten, von Strecken, Erlebnissen und dem einen oder anderen Wetterproblem erzählten und gegenseitig unsere Blogadressen austauschten. Und beschlossen, in Verbindung zu bleiben.







































Samstag, 12. September 2026

Seitenwechsel


Auf den Britischen Inseln herrscht Linksverkehr, das ist soweit bekannt. Nachdem wir nun auf unserer Motorradreise über 70.000 Kilometer auf der „richtigen“ Seite unterwegs waren und ja auch sonst eigentlich ausschließlich mit Rechtsverkehr konfrontiert sind, beschlich uns während der Fährüberfahrt so langsam ein leicht mulmiges Gefühl, ob wir denn die nötige mentale Flexibilität mitbringen würden, um uns in den fließenden Linksverkehr ereignisfrei mit einzureihen. Außer einiger kurzer Momente der Desorientiertheit zu Beginn kommen wir mittlerweile aber gut klar. Hier hilft es auch mal wieder, dass wir zu zweit unterwegs sind.  Die falsche Seite ist aber eigentlich nur der Anfang, denn Irlands Straßen verzeihen keinen Moment der Unachtsamkeit. Zum einen sind sie meist sehr schmal und zum anderen auch noch schlecht einsehbar. Denn wenn etwas charakteristisch für das hiesige Straßenbild ist, dann sind das meterhohe Hecken, und zwar auf beiden Seiten. Kurven einzusehen ist damit quasi unmöglich. Gern kommt dann auch mal ein riesiger Traktor entgegen, der gefühlt 80% der Fahrbahnbreite einnimmt. Zum Glück sind wir mit unseren Motorrädern recht schmal, so dass es bisher immer gepasst hat. Dazu kommt noch ein sehr unruhiger Straßenbelag, der die ganze Fuhre in eine einzige Schaukelei verwandelt. Auch hier können unsere modernen BMWs punkten und bügeln das mit ihrem adaptiven Fahrwerk in den Grenzen des physikalisch Möglichen einigermaßen glatt. Die allergrößte Schwierigkeit besteht aber tatsächlich darin, dass man beständig mit immer wieder neuen grandiosen Ausblicken konfrontiert wird, die es fast unmöglich machen, dem Straßenverlauf die volle Aufmerksamkeit zu widmen. Das einzige Gegenmittel: Anhalten, Motor aus und sich am Panorama sattsehen.


Unsere erste Etappe aus Dublin raus begann gleich mal etwas holprig. Zuallererst waren sämtliche Straßen in und um die Stadt ein einziger Stau und dann wollte Marios mitgebrachter Helm plötzlich nicht mehr passen. Und zwar auf eine Weise, dass unbedingt Ersatz her musste. Der fand sich nach einiger Sucherei schließlich, wenn auch zu einem Preis, bei dem man kurz scharf einatmen muss. 


Nun sind wir schon ein paar Tage unterwegs und das Wetter war uns größtenteils gnädig. Außer heute, wo es dauerregnet und wir den Tag nutzen, um zum Beispiel diesen Text zu schreiben. Die Fahrtage sind geprägt von Ahs und Ohs und das nicht nur wegen der schönen Landschaft, sondern auch Souveränität und Komfort unserer neuen Gefährte bringen uns regelmäßig ins Schwärmen.


Auf den nächsten Etappen warten ganz besondere Highlights wie die Beara Halbinsel und der Ring of Kerry auf uns. Schwer vorstellbar, dass sich das bisher Gesehene tatsächlich noch toppen lässt, aber wir lassen uns gern eines Besseren belehren.