Donnerstag, 26. Mai 2016

Fünf Tage Iran - ein Zwischenfazit

Mythischer Orient? Geschichten aus tausendundeiner Nacht? Wer mit diesen Erwartungen hierher kommt (und das tat ich), wird - zumindest hier im Norden des Landes - erst einmal enttäuscht. Der Iran ist nicht von gestern, er ist ein lebendiges, modernes, funktionierendes Land. Funktionierend - naja, mit einer Einschränkung vielleicht - und das ist der Verkehr. Der ist anarchisch, chaotisch und gefühlt eine ständige Aneinanderreihung von Beinahe-Unfällen. In jede noch so kleine Lücke muss gestochen werden, bis nichts mehr geht. Kreisverkehre werden besonders gern zugestellt, jeder fährt so weit und so schnell wie möglich ein, denn Vorfahrt hat derjenige, der zuerst da ist. Überholt wird, wo gerade Platz ist; rechts, links, in der Mitte, egal - auf zwei Spuren passen doch immer mindestens drei Autos. Ampeln haben auch eher symbolischen Charakter. Erstaunlicherweise aber geht das Ganze mit einer stoischen Ruhe, frei von jeglicher Aggressivität und so letztlich in der Regel auch folgenlos vonstatten.

Die Menschen begegnen uns ausnahmslos mit einer uneingeschränkten Freundlichkeit und Neugier. Da wir mit unseren Motorrädern auffallen wie bunte Hunde (im Iran sind max. 125 ccm erlaubt), schallt uns unentwegt ein "Welcome to Iran" entgegen und wir (oder wohl eher die Bikes) werden zum Fotoobjekt von und mit iranischen Männern und Kindern. 

Überhaupt sind die Menschen sehr besorgt über ihren (vermeintlichen) Ruf im Ausland. Da hört man bei einer spontanen Einladung zum Tee schon mal: "Wir sind hier ganz normale Menschen, keine Terroristen."  

Kommunikation ist generell aber eher schwierig. Englisch spricht so gut wie niemand. Speisekarten sind ausschließlich in Persisch (was aber nicht so schlimm ist, es gibt sowieso nur Kebab), für den Austausch von Informationen ist Mattis Ohne-Wörter-Buch ein Segen. 

Überfordert sind wir regelmäßig beim Umgang mit dem Geld. Ein Euro entspricht unglaublichen 34000 Iranischen Rial. Es gibt aber auch noch eine zweite Währung, den Tuman, mit dem zehnfachen Wert des Rial. So hantieren wir ständig mit Beträgen im hunderttausender und Millionenbereich. Da wir nie wissen, welche Währung gerade aufgerufen wird und die Scheine irgendwie gleich aussehen, bin ich dazu übergegangen, meinem Gegenüber das Portemonnaie hinzuhalten und ihn den geforderten Betrag herausnehmen zu lassen. 

Kulinarisch ist der Iran bislang eher eine Enttäuschung. Zum Frühstück gibt es Cream Cheese und Möhrenmarmelade, als warme Mahlzeit Kebab mit Reis, einem kleinen Stück Butter und einer rohen Zwiebel. Und zu allem wird maschinell gefertigtes Brot gereicht, das aussieht wie Scheuerlappen und bis auf "trocken" keine weitere Eigenschaft besitzt. 

Am Sonntag, dem Tag nach der Einreise, sind wir zunächst bis nach Bandar-e-Anzali, einer großen Hafenstadt am Kaspischen Meer, gefahren. Wir waren dabei mehr als neun Stunden und gute 450 km unterwegs. Ziel war es, möglichst viel Strecke hinter uns zu bringen, um am Montag mehr Zeit für den ersten Höhepunkt, Masuleh, zu haben. Da es schon sehr spät war, bezogen wir das erstbeste Hotel, direkt am Strand gelegen und eigentlich über unserem Budget. Am Ende ließen wir uns von der adretten Empfangsdame überreden: "You will love it, I know your culture.", vielleicht waren wir aber auch einfach nur zu müde. 

Masuleh, unser Zielpunkt am Dienstag, ist ein kleines Bergdorf im Elburs-Gebirge. Das Dorf ist terrassenförmig in den sehr steilen Abhang hineingebaut. Die Dächer sind mit Lehmputz überzogen und dienen jeweils als Fußweg für die darüber liegende Häuserebene. Das Dorf ist über die Grenzen hinaus bekannt (es gibt u.a. eine ARTE-Dokumentation) und ein offensichtlich florierender touristischer Hotspot, was ich an den für iranische Verhältnisse recht sportlichen Preisen für die Unterkünfte und den vor selbigen parkenden, im iranischen Stadtbild sonst eher seltener zu sehenden Nobelkarossen deutscher Herkunft fest mache. 

In der Zeit, in der wir unsere Unterkunft bezogen, setzte sich leider der uns scheinbar verfolgende dichte Nebel im Tal fest, so dass an eine Besichtigungstour erstmal nicht zu denken war. Gegen Abend klarte es glücklicherweise auf und die obligatorischen Touri-Fotos konnten geknipst werden. 

Am Mittwoch dann fuhren wir nach Qazvin, bei teilweise 45 Grad eine schweißtreibende Angelegenheit. Besonders unangenehm: eine mehrminütige Fahrt durch einen Tunnel, in dem der Smog so dicht war, dass einem fast die Sinne schwanden. Besonders angenehm: eine spontane Einladung zu Tee und Obst auf dem Autobahnrastplatz. In Qazvin bleiben wir zwei Nächte, morgen steht Sightseeing auf dem Programm. Den Abend beschließen wir bei Kebab, Zwiebeln und alkoholfreiem Radler. 

An dieser Stelle war der Post eigentlich beendet, hätte das Internet funktioniert, um ihn hochzuladen. 

Seit heute ist alles anders. Schuld daran ist Ebi (Ebrahim). Ebi haben wir heute engagiert, uns die Stadt zu zeigen. Das begann zunächst etwas holprig und scheinbar dem Zufall überlassen. 

Jetzt, am späten Abend, können wir sagen, dieser Tag wird eines der besonderen Highlights dieser Reise gewesen sein. Ebi hat uns nicht nur die (überaus beeindruckenden) touristischen Standardattraktionen gezeigt. Wir waren auch an ganz versteckten Orten, wie einem stillgelegten türkischen Bad, heute Restaurant und Shisha-Bar. Ein besonderes Erlebnis war ein spontanes Konzert in einem ehemaligen, gigantisch großen, unterirdischen Wasserspeicher von Samad, Sitarbauer und virtuoser Meister seines Instruments. 

Das ist er, der mystische mythische Orient!

Am Abend hat uns Ebi aus der Speisekarte typisch Qazviner Essen bestellt, es gibt tatsächlich noch mehr als nur Kebab und Zwiebeln. 

Momentan sind wir auf dem Weg zu einer privaten Feier. Wir sind gespannt. 





Kommentare:

  1. Beneidenswert, wie nah ihr den Menschen dort sein könnt. Es macht einem einerseits das Herz warm, andererseits so wütend über den Zustand dieser Welt, über Hass der gesät wird, und Kriege, die geführt werden.a
    Jetzt aber zwei Fragen: sind das echte Küken? Und was ist in diesen Gläsern (rosafarben u.a.)?

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  2. Die Gastfreundschaft, die wir hier erleben, ist in der Tat einzigartig und zieht sich durch die ganze Gesellschaft. Allein gestern hatten wir fünf Einladungen und letztlich drei Verabredungen mit Leuten, die uns ihre Stadt zeigen wollten. Wir gehen morgens aus dem Haus und kommen spät in der Nacht heim. Es bleibt nicht mal Zeit, den Blog zu pflegen.

    Zu deinen Fragen: Die Küken waren echt. Was in den Gläsern war, weiß ich nicht; vermutlich Gewürze. Ich hatte in dem Laden Safran gekauft. Vielleicht ist es aber auch die Farbe, mit der die Küken gefärbt werden. 😉

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